Kerstin Krone Bayer

Jiri Kolar

Gedicht der Stille

 

lese

eine Handvoll Kiesel

zusammen

und verfasse daraus

egal wo

 

Steinchen für Steinchen

wie Wort für Wort

Reihe auf Reihe

wie Vers für Vers

 

ein anschaubares Gedicht

DAZWISCHEN "Ican`t live, if living is without you" (1)

Es ist heute allgemein unstrittig, dass die DNA eines Menschen und eines Schweins zu 97 % Übereinstimmen. Weniger Übereinstimmung mag darüber herrschen, ob die restlichen 3 % für unser Verhalten entscheiden sind oder nicht. Obwohl das Humangenomprojekt nicht wenige wissenschaftliche Erkenntnisse liefert, die hilfreich für die Menschheit sind - angenommen, deren Mehrheit überlebt den bevorstehenden Klimawandel -, kann es doch keine der existenziellen Nüsse knacken, wie etwa was es heißt, ein Individuum zu sein, bzw. die Frage "Wer bin ich?" im Gegensatz zu "Was bin ich?" beantworten.

Mit der Antwort auf solche Fragen hat sich traditionell die westliche Philosophie beschäftigt, die Fragen dieser Art jedoch in der Regel an Geistliche oder Künstler delegiert hat. Das ist auch heute noch der Fall, vielleicht weil die Antworten, welche die Neuro-Wissenschaftler anbieten, so faszinierend sie auch sein mögen, genauso wenig Trost spenden wie die Psychoanalyse, wenn Mitten in einer dunklen Nacht die Einsamkeit an die Tür klopft. Der Einsamkeit lässt sich, wie jedes Kind weiß, am besten ins Auge sehen in Begleitung eines Teddybärs. Und nach Meinung der meisten Soziologen ist Einsamkeit ein Gefühl, dass wesentlich zur modernen industriellen Massengesellschaft gehört, selbst wenn sie sie dann mit Kategorien wie `Schrecken der Anomie´ oder `Angst´ beschreiben. Als Teil der Conditio humana in der industrialisierten Welt ist sie ein Gefühl, das jeder kennt, aus deren gemeinsamer Teilhabe aber die Leute, von den Existenz-Philosophen gar nicht zu reden, keine Hilfe gewonnen haben. Und die Naturwissenschaften konnten, außer empirisch seine Existenz zu belegen, den Begriff auch nicht genauer definieren. Einsamkeit scheint stattdessen dazu bestimmt, in Songs oder in der Kunst behandelt zu werden.

Die Künstlerin Kerstin Krone-Bayer (geb. 1953) widmet einen großen Teil ihres Werks der Erforschung eben dieses Gefühls des Alleinseins in und mit der Einsamkeit. Sie skizziert, wie Einsamkeit uns von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter bestimmt, wie sie die Art und Weise, in der wir uns als `Individuum´ oder `Person´ in der Gesellschaft verstehen, durchzieht. So gesehen handeln ihre Werke von Traurigkeit und Verlorenheit, von Verlust oder Verlorensein. Das heißt aber nicht, dass sie nicht immer auch einen Zustand verheißen, in dem schon im nächsten Augenblick diese Einsamkeit aufhört und wir in der Präsenz anderer Trost finden können. Die Arbeiten, die sie in der Ausstellung DAZWISCHEN zusammengestellt hat, handeln alle davon, wie wir in der Luft hängen, in einer Welt, die zwischen Einsamkeit und Freude über die Gegenwart zumindest eines Anderen gefangen ist. Selbst der winzige Teddybär, der von seinem Standort auf einer großen Stele einer ihrer Spielsteine (2006, Nr. 27, 5,7 x 5 x 4,5 cm) in die Luft schaut, scheint seine Angst mit seinem Partner auf der felsigen Klippe teilen zu wollen.

Alleinsein und Einsamkeit nur als absonderliche Zustände zu betrachten, hieße sie als existenzielle Angst misszuverstehen, anstatt sie als Quelle der Stärke zu nutzen. "Der Wunsch, vom Leiden befreit zu sein, ist das legitime Anliegen jedes menschlichen Wesens..... Doch so lange wir Leiden als unnatürlichen Zustand ansehen, als etwas nicht Normales, das wir fürchten, vermeiden und ablehnen, werden wir niemals die Ursachen des Leidens ausrotten und anfangen, ein glücklicheres Leben zu führen." (2) Die Erkenntnis, dass das Alleinsein zum Leben gehört wie der Tod, mag eine der Einsichten sein, die diese Steine in prekärem Gleichgewicht (ähnlich wie die Giacomettis) vermitteln können: Wenn wir in Harmonie mit uns selbst leben und über die Welt schauen können, kann uns nichts in den Abgrund darunter ziehen. Denn für den von seinem unheimlichen Stein in die Ferne schauenden Teddy gibt es gewiss keinen Himmel und keine Hölle, sondern nur Weite. Oder, da er seinen Koffer bei sich hat und nicht gerade angekommen ist, hat er offensichtlich gerade beschlossen, diese einsame Welt zu verlassen und woanders hinzugehen.

Wird in den Spielsteinen auf die Insignifikanz des menschlichen Daseins durch den Kontrast zwischen den kleinen Figuren oben auf den Steinen und der Größe der sie umgebenden Welt (und eben von uns selbst) angespielt, widmet sich die Künstlerin in der SERIE ZWEI Black & Sepia (2007; 20 x 20 cm) einem ähnlichen Thema von Einzigartigkeit/Einsamkeit. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die Steine sind hier durch schwarze Japantusche auf Papier ersetzt, die Figuren haben einen zweckhaften Bewegungsdrang und sind nun nicht mehr passiv. Es sei hinzugefügt, dass die Tusche-&-Pinsel-Figuren weniger präzise als ihre Gegenstücke auf den Klippen erscheinen. Sie sind leicht verschwommen bei ihrem Ausschreiten in die Welt, und das Universum ihrer Absichten ist leer gelassen und löst sich im Weiß des Papiers auf. Bei aller mangelnden Deutlichkeit scheinen diese Figuren aber zu wissen, was sie tun. Doch sie sind allein dabei, denn das ist vielleicht der Preis für den angeblichen Wert des `Individualismus´: Die Kehrseite von Individualismus ist Egozentrik. Keine Mutter oder Großmutter, kein Bruder, keine Schwester sind da, um dich an der Hand zu nehmen. Wenn du dich als erwachsenes Individuum verhältst, hast du keinen Teddy bei dir (wenn doch, erwähnst du es nicht, wenn du irgendwo zum Abendessen eingeladen bist).

In der SERIE DREI Red Cuts (2008; 20 x 20 cm) fühhrt Krone-Bayer das Thema einen Schritt weiter, jetzt ist das tödliche Schwarz durch blutrote Japantusche auf Papier ersetzt, das Format der Blätter hingegen weitgehend gleich geblieben. Die Aufmerksamkeit liegt hier, wie es scheint, auf Paarverhältnissen: entweder in der Form von Ablehnung oder Bindung, das eine kann ohne das andere nicht bestehen. Man könnte versucht sein, das auf die Biographie der Künstlerin zu beziehen, denn sie hat einen Zwillingsbruder, doch das hieße, die Bandbreite an Bedeutungen dieser sterbens-roten Arbeiten, mit ihren bewussten Unschärfen oder einem klareren, satteren Einsatz der Tusche zur Schaffung einer größeren Detailfülle auf der Mikroebene, zu stark einzuschränken. Bei all den Antagonismen und Polaritäten, die in diesen Bildern zu erkennen sind, verwandeln sie im Wesentlichen die Frage der Isolation in eine sowohl der gegenseitigen Abhängigkeit als auch Unabhängigkeit voneinander; sie lassen spürbar werden, dass wir uns nur durch ständiges Schwanken zwischen Widersprüchen gegenüber einem anderen einerseits und Verknüpfungen mit ihm andererseits definieren. Aus der Einzelperson der früheren Serien sind hier zwei Personen geworden; ob sie miteinander identisch sein mögen, jung oder alt, sie scheinen auf diesen Blättern nur durch den jeweils anderen zu existieren. Dadurch verschiebt sich das beackerte Feld unbeabsichtigt vom westlichen Denken zur östlichen Philosophie. "Alle Phänomene können so verstanden werden, dass sie von einem Ursprung abhängen, denn wenn wir sie analysieren, erkennen wir schließlich, dass sie keine unabhängige Identität besitzen. .... So ist jemand nur Elternteil, weil er oder sie ein Kind hat. Als eine Tochter oder ein Sohn wird jemand wiederum nur bezeichnet in Bezug auf die Tatsache, dass sie oder er Eltern hat. ... Nehmen wir das Bewusstsein selbst zum Gegenstand unserer Untersuchung, erkennen wir, dass, obwohl wir dazu tendieren, es als etwas Wesenhaftes und Unveränderliches zu betrachten, auch das Bewusstsein am besten als von einem Ursprung abhängig zu verstehen ist. Denn es ist schwer, eine Entität namens Geist oder Bewusstsein jenseits der individuellen Wahrnehmungs-, Denk- und Gefühlserfahrungen zu postulieren." (3) Vielleicht bleiben Krone-Bayers Figuren aus diesem Grund weitgehend Umrisse, ohne fleischliche Substanz, Silhouetten des Selbst, die letzten Blutflecken, die das organische Leben hinterlassen hat.

Dieser Gesichtspunkt wird aus einem anderen Blickwinkel wieder aufgenommen in Krone-Bayers SERIE VIER People (2008, 40 x 40 cm), in der die individuelle Identität bis zu den winzigsten Variationen in der DNA multipliziert ist. Der Mensch wird hier zum Massenwesen, die Konturen von Mann und Frau hängen gänzlich von denen ihrer Mitmenschen ab - als könnten wir Identität nur durch das Auge einer Fliege wahrnehmen. So entsprechen dann auch die Bilder der SERIE VIER genau der Klassifikation der Masse, die ihr erster und bedeutendster Erforscher, Elias Canetti, vornahm, der (wenn er nicht gerade die Kamelherden in Marrakesch studierte) die Haupteigenschaften der Masse so zusammenfasste: "Folgende vier Züge sind hervorzuheben: 1. Die Masse will immer wachsen. ... 2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. 3. Die Masse liebt Dichte. 4. Die Masse braucht eine Richtung."(4) In der SERIE VIER spielt Krone-Bayer implizit alle vier Definitionen gleichzeitig durch. Wenn die Massengesellschaft auf der Masse basiert, dann ist in einer solchen Welt Identität eine Sache minimaler Unterschiede. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Canetti zwischen "Masse" und der ursprünglicheren "Meute" unterscheidet: "Alle Formen der Meute .... haben die Neigung, ineinander überzugehen. So konstant die Meute in ihrer Wiederholung ist, so sehr sie sich ähnelt, wenn sie wiedererscheint, in ihrem separaten, einmaligen Ablauf hat sie immer etwas Fließendes."(5) Die Worte Meute oder Urhorde haben heute einen negativen Klang und wirken bedrohlich, betrachten wir dagegen die Tuschzeichnungen, die Krone-Bayer geschaffen hat (die an Installationen von Thomas Bayrle ohne deren politische Seite erinnern), dann erscheint es, als seien hier Masse und Meute eins geworden. Als Individuen existieren wir in der Masse der Gleichen und verwandeln uns doch ständig wie in der Meute, aber nur dadurch haben wir überhaupt erst so etwas wie eine Identität. Die Gesichter in der Masse gehen ineinander über und doch ist jedes anderes und individuell.

Ein Bereich der modernen Massengesellschaft, der bei manchen negative Konnotationen hervorruft, ist der Massentourismus, der Bilder überlaufender Strände, überfÃüllter Läden und Hotels, die an Hasenställe erinnern, heraufbeschwört. In einer solchen Welt kann man sich Krone-Bayers SERIE FÃüNF Landschaft (seit 2006; 21 x 30 cm), die eine Welt aus von der Masse unberührten Landschaften vor uns ausbreitet, kaum vorstellen: Es sind abgelegene Weiten, in denen der Mensch so gut wie keine Spuren hinterlassen hat. Wir sind hier in einer (natürlichen?) Welt angekommen, die nicht vom Menschen gezeichnet ist, eine Umwelt, in die er nicht eingreift. (Das kann nur eine Utopie sein, die Welt die keinen Ort hat, weil es niemanden gibt, der ihn bezeugen kann.) Doch die Ölkreideserie erinnert zugleich an Postkartenbilder - das Verhältnis der Seitenlängen ist fast dasselbe wie bei den allgegenwärtigen 9 x 13 Karten. Von daher mag die Form (bestimmt zur Mitteilung menschlicher Gegenwart) als harter Kontrast zum Inhalt gedacht sein. Bei genauerer Betrachtung hat Krone-Bayer nämlich den Aspekt der massenhaften Reproduktion mit dem Herstellungsverfahren unterlaufen. Mit einer Feinfühligkeit, die an einen chocolatier oder Uhrmacher denken lässt, hat sie die Ölkreide-Flocken mit den Fingerspitzen aufgetragen, dabei aber keine Vergrößerungsoptiken benutzt, denn das würde wiederum die Omnipräsenz der Massentechnologie bestätigen. Diese Arbeiten sind also im zweifachen Wortsinn besonders, da sie nicht dem Takt der Zeit, aus der sie stammen, folgen.
Diese Asynchronität erscheint hingegen im Kontext der anderen Serien völlig logisch. Denn alle fünf Serien zeichnen sich insgesamt durch genau die Fähigkeit aus, ein veraltetes, doch zugleich ungemein zeitgemäßes Thema so überraschend anzugehen, weil jede als ein Medium der Sache so angemessen scheint: Jede exemplifiziert auf je eigene Weise einen Begriff von Identität, der die Frage "Wer bin ich?" auf neue Art und Weise stellt, einfach weil der Fingernagel (das archetypische Kratzwerkzeug), der Pinsel, die Tusche oder die Steine in einer von der Immaterialität und Multiplikation digitaler Bilder geformten Welt so altmodisch sind. Das kann ihnen dauerhafte Bedeutung in einer Welt sichern, in der Bilder sonst schneller verschwinden als man sie anklicken kann. In diesem Sinn liegen Krone-Bayers Arbeiten
DAZWISCHEN, zwischen dem Historischen und Zeitgenössischen. Und die Antwort, die sie geben, findet sich in dem Blut, das durch Liebe bindet, denn "can`t live, if living is without you."

© Jeremy Gaines     2008                        

Übersetzung Hubert Beck

(1) Pete Ham & Tom Evans; later better known owning to the cover version by Harry Nisson    

(2)Tenzin Gyatso, The Art of Happiness, (Corrent, London:1988),p.122

(3)Tenzin Gyatso, Ancient Wisdom, Modern World, Ethics for the New Millenium,  (Abacus, London:2001),pp. 38-40

(49 Elias Canetti, Crowds and Power, (Pinguin, Harmondsworth:1987), p.32

(5) ibid.,p. 149

                                                                                                                                       

 

ROADSTONES_ PFLASTERSTEINE

Ein Stück gehauenes Gestein. Zum zweckdienlichen Gebrauch gekantet, eingeebnet, passend gemacht, um eine Oberfläche zu schaffen. Ein Massenprodukt, das nur als Rapport funktional eingesetzt wird. Jeder Stein durch sein unterschiedliches Aussehen aber fast unbemerkt Unikat ist.

Kerstin Krone Bayer befreit den Stein aus seinem Rapport, aus seiner Zweckmäßigkeit. Sie benutzt nicht nur die bisher gebrauchte Oberfläche, sondern gibt alle Flächen zur Sicht und Verwendung frei. Nur die Bodenfläche bleibt tragendes Element. Sie lässt den Stein aus seinem ursprünglichen Kontext. Spielerisch verwendet sie die neuen sichtbar gemachten Seiten, um den Eigencharakter eines jeden Steins neu in Szene zu setzen. Sie ummantelt ihn mit Materialien, die in krassem Gegensatz zu seiner ursprünglichen Funktion stehen. Sie begreift den Stein als soziales Gebilde und unterstreicht seine  Eigenständigkeit durch Einzelinszenierungen. Der Ständer ist für den Stein gleichsam Bühne, auf dem er sich als Akteur dem Betrachter in neuer Form präsentiert. Betrachtet man aber die Summe der Stein-Unikate, wird der Rapport wieder sichtbar. Die Ummantelung ist Addition. Er bleibt, was er ist. Ein Stück gehauenes Gestein, gekantet, eingeebnet, passend gemacht.

Anders die Objekte FORMATION 1 und 2. Hier stehen die Steine in direkter Verbindung zueinander. Sie bauen aufeinander auf und formieren sich zu einer Gestalt, die zwischen Material und Form eine Spannung entstehen lässt. Stabilität und Zerbrechlichkeit stehen in einer Beziehung zueinander, unterstützt durch das Einfassen der Form in Schlauch und Nylon.

Auch in ihren Zeichnungen setzt sich Krone Bayer mit dem Stein auseinander. Die Ummantelung der Stein-Objekte ist hier das sich überlagern verschiedener Farbschichten, die durch die Schabetechnik teilweise wieder freigelegt werden. Der Stein zeigt sich als reduzierte Fläche einer Seitenansicht, in seiner Form begrenzt durch die schwarze Umrandung. Die leuchtende Farbigkeit von Hintergrund und Stein ist das Wechselspiel einer Beziehung, die gegenseitigen Halt aber auch Konkurrenz spüren lässt.

 © Kerstin Bollmann, November `96

SPIELSTEINE

Miniaturmodelle sind erst einmal nur maßstabsgerechte Nachbildungen, sehr präsise und winzig klein. In ihrer äußeren Form verbirgt sich mehr. Es geht darum, das Verborgene sichtbar zu machen, es ist in den Figuren vorhanden. Es bedarf nur der Inszeneirung, das Andere zeigt sich wie von selbst. Der Stein ist die Bühne, er definiert den dazugehörigen Raum.

© Kerstin Krone Bayer   2003

 

ÖLKREIDEN _VIECHER

Durch wiederholtes Übermalen und Abschaben der Ölkreiden entstehen Flächen, Muster und Verkürzungen. Der Farbraum dazwischen umschließt Darunterliegendes, ist Hintergrund für weitere Farbschichten.  Die "Viecher" erscheinen in ihren Bewegungen erstarrt, sie wirken passiv und aktiv zugleich. Ich ordne sie symbolisch dem archaischen Unbewußten zu und sehe sie wie mythologische Elemente.

© Kerstin Krone Bayer, 92